Es ist vormittags am Sonntag, den 7. November 2010. Der Castor rollt seit einigen Stunden schon durch Niedersachsen und hat fast die Stadt Celle erreicht. Die Polizei erhofft sich einen störungsfreien Ablauf des Transport bis dieser in Lüneburg eintrifft. Doch dies wird nicht so sein. In Dalle in der Nähe von Celle blockiert eine Gruppe unabhängiger Aktivist_innen die Gleise, um den Castor an seiner Weiterfahrt zu hindern und ihre Kritik an dem Transport von radioaktiven Atommüll, Atomkraft und deren Auswirkungen auf Menschen und Umwelt zum Ausdruck zu bringen. Drei Aktivist_innen haben sich mit Rohren unter den Schienen festgekettet.

Im Folgenden wird die Aktion chronologisch aus der subjektiven Wahrnehmung einer beteiligten Aktivistin erzählt:

Gegen 11.50 Uhr wird die Blockade aufgebaut. Zu dem Zeitpunkt sind noch keine Polizist_innen vor Ort.
Es gibt die Info, dass die Strecke für alle Züge gesperrt worden ist, dennoch nähert sich gegen 12.00 Uhr ein Metronom aus nördlicher Richtung der Blockade, kommt jedoch kurz vor der Blockade zum Stehen.

Kurze Zeit später erscheint der erste Polizist von der Bereitschaftspolizei Niedersachsen, die mit der Streckenüberwachung während des Castortransports betraut ist, am Ort des Geschehens. Mit den Worten „So eine Scheiße! In meinem Abschnitt!“ kommt er aus dem Gebüsch neben den Gleisen gerannt. Kurz darauf treffen auch weitere Polizist_innen der niedersächsischen Bereitschaftspolizei ein, die jedoch mit der Situation überfordert sind und nichts gegen die Blockade unternehmen.

Gegen 12.15 Uhr nähert sich der Castortransport der Blockade und kommt wenige hundert Meter vor ihm zum Stehen. Das Ziel der Blockade ist vorerst erreicht. Der Castor steht! Aus den vorgespannten Waggons des Castorzuges steigen Horden von Bereitschaftspolizist_innen aus, die mit solchen Situationen vertraut scheinen.

Der Einsatzleiter der Castorbullen löst die Versammlung auf und gibt den Aktivist_innen 5 min. Zeit die Blockade freiwillig zu räumen. Nach Ablauf dieser Frist werden bis auf die fest geketteten Personen und eine Kontaktperson alle Menschen von der Blockade geräumt und von der Polizei in Gewahrsam genommen. Sie dürfen sich jedoch weiterhin auf dem Damm neben der Blockade aufhalten und können so das weitere Geschehen beobachten.

Kurz vor 13 Uhr beginnt die Polizei damit, sich auf eine Räumung der Gleise vorzubereiten. Eine der festgeketteten Personen hört, wie der Einsatzleiter der Castorbullen das weitere Vorgehen über sein Telefon durchgibt. Die Polizei hat in der Zwischenzeit die Werkzeuge herbeigeschafft und beginnt die Schrauben an den Gleisen auf einer Strecke von ca. 15 Metern zu lösen. Danach wird das Gleis 1,5 Meter hinter den fest geketteten Personen aufgeflext und mit Hilfe einer Art Wagenheber angehoben. Die beiden Personen werden auf Rettungstücher gelegt, die mit jeweils 6 Polizist_innen getragen werden. Das Rohr wird mit 4 Polizist_innen getragen. Mit insgesamt 16 PolizistInnen werden die beiden Personen aus dem Gleisbett herausgehoben und auf den Damm neben den Gleisen getragen. Die fest gekettete Person auf dem anderen Gleis wird derweil informiert, dass sie unterm Gleis fest bleiben wird und der Castor an ihr auf dem Parallelgleis vorbeifahren wird (der Abstand zwischen Castor und Person beträgt ca. 1,5 Meter). Die losgelöste Schiene wird derweil wieder abgelassen und das Gleis so repariert, dass es wieder von Zügen befahrbar ist.

Um zu verhindern, dass die festgekettete Person umsonst der Strahlung des vorbeifahrenden Atommülltransports ausgesetzt wird, sollen Schlüssel zur Blockade gebracht werden, mit denen sie sich befreien kann. Dies wird der Polizei mitgeteilt und ausdrücklich gesagt, dass mit der Vorbeifahrt des Castors gewartet werden solle, bis die Person sich befreit hat. Die Polizei nimmt die Info zur Kenntnis, betont jedoch, dass der Castor in ca. 10 Minuten losfahren würde und keine Rücksicht darauf genommen wird, ob sich die festgekettete Person befreit hat. Auf das Argument der Gesundheitsgefährdung der sich am Gleis befindlichen Person wird nicht eingegangen. Es wird lediglich mit dem Gegenargument geantwortet, dass der Castor langsam fahren würde, der Zeitraum des Vorbeifahrens jedoch nicht lang genug sei, um ernsthafte gesundheitliche Schäden zu verursachen.

Nach Ablauf der 10 Minuten beginnt die Polizei sich auf die Abfahrt des Zuges vorzubereiten. Die Kontaktperson entscheidet sich dafür, bei der fest geketteten Person zu bleiben. Ihr werden zwei Polizistinnen zur Seite gestellt, die sie festhalten, um zu verhindern, dass sie versuchen könnte den Castor an seiner Weiterfahrt zu hindern. Der festgeketteten Person werden zwei Sanitäter zur Seite gestellt, die sich vor sie knien. Dann fährt der Castor vorbei. Zuerst kommt eine Elektrolok, dann drei Personenwaggons der Polizei, bei denen an jedem Fenster Polizist_innen stehen, die mit ihren Handys Fotos machen und provokante Sprüche gegenüber der festgeketteten Person und der Kontaktperson äußern. Danach kommen die 11 Castoren. Der Zug fährt unglaublich langsam und es dauert mindestens 5 min. bis die Behälter vorbei gefahren sind. Nach den Castoren kommen noch einmal 2 Personenwaggons mit Polizist_innen. Es wiederholt sich das Szenario, welches sich schon bei den Waggons zu Beginn des Zuges abspielte.

Kurz nach Durchfahrt des Castors kommt der Schlüssel an der Blockade an, die Person befreit sich selber von den Gleisen und wird von der inzwischen eingetroffenen Bundespolizei in Gewahrsam genommen und zu den anderen bei der Blockade in Gewahrsam genommenen Menschen auf den Bahndamm gebracht. Dort befinden sich auch die zwei anderen festgeketteten Personen, die immer noch mit jeweils einem Arm in ihrem Rohr fest sind. Sie werden erst ca. 1 ½ Stunden nach der Durchfahrt des Castors von einem Technikteam der Bundespolizei aus dem Rohr befreit und wie die anderen Menschen in die Gefangenensammelstelle nach Lüneburg gebracht.

Dort werden die bei der Blockade in Gewahrsam genommenen Menschen, die sich nicht festgemacht haben, wieder frei gelassen. Die Personen, die sich fest gemacht haben werden dem Haftrichter vorgeführt. Der entscheidet, dass alle drei auf Grund der Gefahrenabwehr solange in Gewahrsam bleiben müssen, bis der Castor im Verladebahnhof in Dannenberg angekommen sei. Zu dieser Zeit zeichnet sich bereits ab, dass der Castor den Verladebahnhof frühstens am Montagmorgen erreichen wird, da er durch eine kilometerlange Sitzblockade auf den Gleisen vor Harlingen aufgehalten wird.

Der Zug erreicht den Verladebahnhof in Dannenberg erst am Montagmorgen, den 8.11.2010 mit einer mehr als 20-stündigen Verspätung. Kurz darauf wurden die drei Aktivist_innen wieder freigelassen.

Alles in allem war die Blockade ein Erfolg. Der Castor wurde durch diese Aktion ca. 3 Stunden aufgehalten.

1 Response to “Aktionsbericht”


  1. 1 c3p 26. November 2011 um 16:35

    „Auf das Argument der Gesundheitsgefährdung der sich am Gleis befindlichen Person wird nicht eingegangen.“
    Ich sympathisiere ja grundsätzlich, aber es liegt halt auch keine nennenswerte Gesundheitsgefährdung vor -.-


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Antirepressionsarbeit kostet Geld

Die Aktion wird ein rechtliches Nachspiel haben, welches Geld kostet.

Menschen, die die Aktion unterstützenswert finden und Geld entbehren können, können es auf folgendes Konto transferieren:

Name: „Spenden und Aktionen“
Stichwort: Castorblockade Dalle
Kontonr.92881806
BLZ: 513 900 00 (Volksbank Mittelhessen)

IBAN DE29 5139 0000 0092 8818 06
BIC VBMHDE5F

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